Von Pferden und Menschen - und vom Abschied nehmen

Picture credits: Inske de Buhr
Photo by Carley Quinn

Dieser Blog ist Marianne und Diogo gewidmet, stellvertretend für all die hart arbeitenden, engagierten und tapferen Tierärzte da draußen, die uns helfen, das Bestmögliche für unsere vierbeinigen Gefährten zu tun. Möge die Güte ihrer Herzen niemals schwinden und ihr Mut auf ewig ungebrochen sein!

In letzter Zeit war es etwas still von meiner Seite aus, ich habe ein Pferd verloren, meinen geliebten Jarpi. Ich bin nicht die Einzige, die jemals ein Pferd verloren hat, und mir ist bewusst, dass es nicht das erste Mal ist, dass so etwas passiert. Es ist genau dieses Ereignis, das wir alle fürchten und auf das wir uns irgendwie vorzubereiten versuchen. Und dennoch, obwohl ich damit gerechnet habe, dass es eines Tages passieren könnte, hat mich die Trauer und Verzweiflung in einer Weise überwältigt, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Bei diesem Thema steht die Schlussfolgerung am Anfang: Es wird immer schrecklich sein, sich verabschieden zu müssen, gibt einfach keine gute Lösung, nur schlechte, und möglicherweise weniger schlechte. Und keine wissenschaftliche Studie dieser Welt kann hier weiter helfen....


Es war ein seltsamer Sommer, noch bevor es mich und Jarpi traf, haben mehrere Freunde von mir in diesem Sommer ein Pferd verloren. Sie taten mir furchtbar leid, ich fühlte mit und dachte, wie schrecklich es sein muss, so einen geliebten Freund zu verlieren. Aber heute weiß ich, ich wusste nichts, ich hatte keine Ahnung, was das wirklich bedeutet!


Nicht lange nachdem ich meinen Jarpi einschläfern lassen musste, schrieb Tania Kindersley, die Autorin des Blogs "The Red Mare", über das Thema ( https://www.facebook.com/photo/?fbid=667619592069530&set=a.395979419233550 ). Sie beschreibt viele Aspekte des Verlustes eines geliebten Pferdes, die ich alle nachvollziehen kann. Es ist ein wunderbarer Blog von jemandem, der weiß, worum es geht. Dennoch, es ist besonders ein Gedanke, den sie teilt, der mir immer wieder durch den Kopf geht, der mich nicht loslässt, und der dennoch etwas tröstliches hat: "...Lass Dir von niemandem einreden, dass es 'nur ein Pferd' war. Liebe ist Liebe. Dein Herz ist gebrochen...".


Es hat lange gedauert, bis ich endlich die Kraft gefunden habe, mich hinzusetzen und diesen Blog zu  schreiben. Mit der Trauer und dem Verlust kam eine geistige Lähmung, die ich so zuvor noch nie  erfahren hatte. Ich wollte über meinen Verlust schreiben, in der Hoffnung, dass es eine Art Therapie  sein könnte, die mir helfen würde, meine Gedanken und Gefühle zu strukturieren, und die mir  letztendlich und hoffentlich einen Weg aufzeigen könnte, mit der Trauer umzugehen.  


Darüber hinaus dachte ich, dass meine Erfahrungen, der Kummer und die Trauer anderen Pferdefreunden, die sich plötzlich derselben Situation ausgesetzt sehen, vielleicht nicht helfen, aber möglicherweise doch aufzeigen können, dass sie mit ihrer Verzweiflung nicht allein sind. Wie Tanias Kindersley's Blog mir geholfen hat... Es ist keine Schande, über den Verlust eines geliebten Gefährten untröstlich zu sein.


Es gibt erstaunlich viele Möglichkeiten, ein Pferd zu verlieren. Pferde sind zerbrechlicher, als man es  bei einem so großen Tier jemals denken würde. Sie können sehr plötzlich sehr krank werden, z. B.  aufgrund einer Kolik. Sie können sich schwer verletzen, sie können sich ein Bein brechen, sie können  einen plötzlichen, schweren Hufrehe Anfall bekommen, sie können sich vergiften etc. Es ist ganz  erstaunlich, wie schnell sie sehr schwer und unheilbar krank werden können. Aus unserem tiefsten Inneren heraus wollen wir ihnen helfen, wir kümmern uns um sie, das Letzte, was wir wollen, ist, dass  sie leiden. In diesen Fällen von akutem, schwerstem Leid, wenn es keine Aussicht auf Heilung gibt,  nicht einmal die Perspektive zu überleben, dann ist es das "humanste", was wir tun können, ihr Leben  auf die friedvollste und schmerzloseste Art und Weise zu beenden, die möglich ist. 


Photo by Agnete E. Kristoffersen


Photo by Giulia Orsatti


Und dann gibt es diese Situationen, in der es zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Aussicht auf Heilung zu geben schien. Aber irgendwann setzt sich die grausame Erkenntnis durch, dass Heilung nicht erreicht werden kann und das fortdauernde Leiden unter der Behandlung das Ergebnis nicht mehr rechtfertigt. Und gerade, weil wir unsere Pferde lieben, beschließen wir, dem Leiden ein Ende zu setzen. Dennoch, man muss sich für den schrecklichen Tag entscheiden, an dem der Tierarzt kommen soll und man muss sich auf das reine Prozedere vorbereiten. Es braucht vielleicht etwas Zeit, um sich mit dieser Entscheidung abzufinden, man wartet vielleicht etwas länger, man ist sich nicht sicher, ob es wirklich der letzte Ausweg ist und ob man das Richtige tut, aber am Ende, angesichts des fortdauernden Leids, entscheidet man sich doch dafür. Im Nachhinein wird man immer wieder zweifeln, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, ob man nicht doch etwas anderes hätte tun können, ob es nicht doch eine Chance auf Heilung gegeben hätte, ob man nicht zu früh aufgegeben hat. Es wird Zeit brauchen, vielleicht dauert es für immer, diese Zweifel zu überwinden


Ich werde die Geschichte von Jarpi erzählen, auch wenn die Diagnose nicht schön ist (welche  Diagnose ist das schon). Menschen, die Pferde halten und lieben, können mit vielem umgehen; sie  haben i.d.R. schon viel gesehen und sind normalerweise auf fast alles vorbereitet. Wir, das heißt  eigentlich meine beiden vierbeinigen Gefährten Fràr und Jarp (Islandpferde), sind in diesem Jahr bereits Ende Juni auf die Sommerweide gezogen. Pferde im Sommer aufs „Land zu verschicken“ ist  hier in Nordnorwegen üblich. Die Sommer sind intensiv (aufgrund der Mitternachtssonne, nördlich  des Polarkreises geht die Sonne in den Sommermonaten nicht unter, die sog. Mitternachtssonne),  aber sehr kurz. Die Zeit, in der Pferde hier auf der Weide sein können, beschränkt sich im  Wesentlichen auf Juli, August und vielleicht noch September. In dieser Zeit stehen fast alle Ställe leer,  weil die Pferde für die Weidesaison an andere Orte, meistens irgendwo auf dem Land ziehen.  


Traditionell verbringen meine beiden Wallache den Sommer mit einem alten und heiß geliebten  Freund, der meiner Freundin Virve gehört, und den sie im Sommer immer zu sich nach Hause holt. Es  ist ein wunderschöner Ort, direkt am Meer gelegen, mit einer traumhaften, großen Weide, z.T. im  Wald gelegen. Der Sommer kann hier oben im Norden atemberaubend schön sein! Kaum etwas löst  mehr Glücksgefühle in mir aus, als das jährliche Wiedersehen der drei Freunde mitzuerleben. Sie  begrüßen sich, „umarmen“ (sie „verschlingen“ die Köpfe miteinander) sich, und dann spielen sie  entweder eine Weile, oder sie schlendern, genussvoll hier und da ein Häppchen knabbernd, auf die  Wiese, wo ihnen das Gras bis zum Bauch steht. Sie zelebrieren den Sommer und die allzu kurze Zeit  der Freiheit so sorglos, so intensiv und so im Hier und Jetzt, wie wir Menschen das vielleicht nie  könnten. Jedes Mal, wenn ich sie in so vollkommener Glückseligkeit über die Weide dahin „schweben“ sehe, spielt irgendwo in meinem Hinterkopf "Sunshine Reggae" von LaidBack. Jedes Jahr,  am Tag des Umzugs, wird die Sommersaison eröffnet, und alle, Zwei- und Vierbeiner, überkommt die Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Sommers, die Zweibeiner trinken Kaffee, essen Kuchen, und  schauen den vierbeinigen Gefährten dabei zu, wie sie ungetrübte Lebensfreude verkörpern; zwei und  Vierbeiner sind bereit für endlose (die Mitternachtssonne), glückselige und unbeschwerte  Sommertage! 


Eines Tages entdeckte meine Freundin dunkle Knoten an Jarpis Penis. Es könnte geronnenes Blut gewesen sein und es sah definitiv nicht gut aus. Es waren schon vor einiger Zeit einige kleine rote Flecken auf seinem Penis festgestellt worden, die da nicht hingehörten und die entsprechend regelmäßig kontrolliert wurden. Aber sie hatten sich seit mindestens 9 Monaten nicht verändert, also war ich nicht besonders besorgt. Als die Tierärztin kam und ihn untersuchte, wurde der schlimmste Albtraum war: Es hatte sich ein Plattenepithelkarzinom entwickelt. Die Plaques waren meist noch flach und er schien sich nicht weiter daran zu stören, wir hatten keine Veränderung in seinem Verhalten festgestellt, aber es waren sehr viele Plaques. Der ganze Penis war bedeckt, es war ein widerlicher, hässlicher Anblick.


Es kam als ein totaler Schock, Jarpi schien in perfekter Verfassung zu sein, so glücklich und gesund, wie ein Pferd nur sein kann. Dennoch, er war ein Pinto, und Pintos sind dort, wo ihre Haut hell ist, besonders anfällig für Krebs. Er war 15 Jahre alt, und genau in diesem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit für Hautkrebserkrankungen bei Pferden zu. Plattenepithelkarzinome können sehr aggressiv sein, und das war eindeutig auch dieses, denn die kleinen roten Punkte hatten sich innerhalb von nur drei Monaten zu diesem entsetzlichen Zustand entwickelt.

Für den Rest meines Lebens werde ich meiner Freundin Virve und ihrer Familie sowie den beiden beteiligten Tierärzten zutiefst dankbar sein. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie getan hätte. Wir diskutierten die therapeutischen Optionen: Penisamputation mit Rekonstruktion des Harntrakts oder ein Versuch mit lokaler Chemotherapie. Eine Operation war nie eine Option; das hätte ich ihm nie angetan. Er weiß nichts von einer "Perspektive", wieder gesund zu werden (wenn das überhaupt jemals der Fall gewesen wäre, denn wir wussten ja nicht, ob er nicht bereits Metastasen entwickelt hatte). Wie wäre eine OP für ihn gewesen? In seiner Welt wäre er an einen ihm unbekannten Ort entführt und gefoltert worden, und anschließend wäre er in einem völlig anderen und entstellten Körper aufgewacht. Das hätte ich ihm niemals antun können. Aber die andere Möglichkeit, die lokale Chemotherapie, habe ich in Betracht gezogen, denn es ist offenbar eine Behandlung, die in frühen Stadien erfolgreich sein kann. Allerdings war der Krebs bei Jarpi schon weit fortgeschritten, und es hätte ein sehr ausgedehntes Hautareal behandelt werden müssen. Die lokale Chemotherapie ist sehr schmerzhaft, weil der Krebs quasi „weggebrannt" wird. Er hätte jeden Tag behandelt werden müssen und die Schmerzen hätten noch Monate nach der Behandlung angedauert. Ganz zu schweigen davon, dass man ihn während der Behandlung jeden Tag hätte betäuben müssen. Und dann war da noch die Frage möglicher Metastasen...


Ich war versucht, ich klammerte mich verzweifelt an irgendeine Aussicht auf Heilung und damit an jede erdenkliche Behandlung, die mir das kleine lustige, verkuschelte, und fröhliche Pferdchen zurückgeben würde, das ich so sehr liebte! Also entschied ich mich beinahe für eine Chemotherapie. Aber dann habe ich versucht, mir vorzustellen, wie das für ihn gewesen wäre, was hätte er erlebt? Pferde können die Zukunft nicht vorhersehen, sie können nicht planen; er hätte nie verstehen können, dass diese Tortur der Behandlung für ein "höheres Gut" gewesen wäre, für die Perspektive, wenn schon nicht gesund zu werden, so dennoch sein Leben zu verlängern. In seiner, in Jarpis Welt würde er jeden Tag gequält werden und die Menschen, denen er vertraute, wären daran beteiligt. Er würde nicht verstehen, warum das so sein muss und warum ihm ein solches Leid angetan wird. Und auch mit Schmerzmitteln würde er viele Monate lang Schmerzen haben und niemals verstehen können, warum, und selbst nach dieser Tortur wäre die Prognose unklar. Viele Pferde leben nach dieser Behandlung doch nur wenige Jahre bevor der Krebs zurückkommt. Über die Lebensqualität nach einer solcher Behandlung lässt sich nur schwer etwas aussagen.


Ich habe jedem meiner Pferde geschworen, sie vor Schaden zu bewahren, sie nie im Stich zu lassen und sie nie zu verlassen. Was also sollte ich tun? Was sollte das Ergebnis einer sinnvollen Behandlung/Therapie sein? Behandlung sollte bedeuten, unvermeidliche Schmerzen und das Leid zu vermeiden, das Entstehen würde, wenn die Plaques zu Tumoren heranwachsen würden. Am Ende würde er starke, unvorstellbare Schmerzen haben, nicht mehr urinieren können und dieser Zustand würde sehr schnell erreicht werden. Eine Entscheidung musste also schnell getroffen werden, es war die Frage eine leidvolle und schmerzhafte, Wochen bis Monate andauernde Behandlung mit ungewissem Ausgang gegen den sicheren Tod abzuwägen. Würde ich ihm eine solche, qualvolle Behandlung, wie sie die lokale Chemotherapie gewesen wäre, wirklich antun wollen?


Nach vielen Diskussionen mit der Tierärztin, mit meiner Freundin Virve, mit meinem Mann, mit anderen FreundInnen, die so viel mehr Erfahrung haben als ich, habe ich mich dagegen entschieden. Ich kam zu dem Schluss, dass er selbst nach einer erfolgreichen Behandlung, die an sich schon mit enormen Leiden verbunden gewesen wäre, nicht mehr das glückliche, fröhliche kleine Pferd sein würde, das er war und das ich so sehr liebte. Wenn er diese Tortur hinter sich gebracht hätte, wäre er ein anderes Pferd das höchstwahrscheinlich chronische Schmerzen haben würde und all diese Opfer sollten für eine Prognose erbracht werden, die immer noch zweifelhaft und nicht gut war.


Photo by Agnete Kristoffersen


Ja, es war der schwerste Entschluss, den ich je in meinem Leben treffen musste, einem Pferd, meinem Pferd, einem geliebten vierbeinigen Freund das Leben zu nehmen, zu einem Zeitpunkt, wo er so glücklich war, wie er nur sein konnte. Aber mir war auch schmerzhaft bewusst, dass die Zeit ablief. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch geblieben wäre, die er symptomfrei hätte verbringen können. Ich glaube eigentlich, dass er zum Zeitpunkt der Diagnose bereits Symptome gehabt haben muss, als wir herausfanden, dass sich der Krebs plötzlich manifestiert hatte und explodiert war. Die Tierärztin berichtete von einem Fall, in dem es weniger als vier Wochen gedauert hatte, bis sich der Krebs von diesem Zustand zu einem Stadium entwickelt hatte, wo der Tumor die Größe eines Blumenkohls erreicht, und zu furchtbaren Schmerzen und schwerwiegenden Funktionsstörungen geführt hatte.


Wir beschlossen, ihn etwa eine Woche nach der Diagnose einzuschläfern, was uns etwas Zeit zur Vorbereitung gab. Es ist nicht einfach, ein Pferd auf einem Privatgrundstück einzuschläfern, dass kein landwirtschaftlicher Betrieb ist. Was macht man mit dem toten Körper? Was ist eigentlich mit den anderen Pferden, seinen Freunden? Wo können wir es tun, damit nicht alle Nachbarn den Anblick eines herumliegenden, toten Pferdes ertragen müssen. So viele praktische Herausforderungen, so viele Dinge, die zu organisieren sind... Es war, im Ernst, sehr kompliziert. Umso mehr bin ich unendlich dankbar dafür, dass wir nicht weggeschickt wurden, dass wir ihn dort auf der Sommerweide einschläfern lassen konnten, wo er so glücklich war, wie er nur sein konnte, wo er unter seinen besten Freunden war und wo er sich sicher fühlte.


Wir machten einen Plan und bereiteten ihn und die anderen Pferde auf die Prozedur vor. Es sollte in einiger Entfernung von den anderen Pferden und dem Platz, wo wir sie normalerweise versorgten geschehen, denn Jarpis toter Körper musste eine Zeit lang an einem Ort liegen, zu dem der Lastwagen, der ihn abholen sollte, Zugang hätte. Jeden Tag gingen wir mit allen dreien ein wenig spazieren und wenn wir zurückkamen, bekamen sie alle eine Handvoll ihres Lieblingsfutters. Jarpi erhielt seinen Eimer mit dem Futter etwas entfernt von den anderen und an dem Ort, an dem es geschehen sollte. Nach einigen Tagen war dieses Vorgehen Routine und für die Pferde so normal, wie es nur sein konnte.


Die letzten Tage waren schrecklich, ich war untröstlich und meine Freunde waren es auch. Ich hatte das Gefühl, dass ich Jarpis Vertrauen auf das Schlimmste missbrauchte, dass ich ihm das Wertvollste, das ein Lebewesen besitzt, sein Leben nehmen würde, obwohl er mir so sehr vertraute. Es war ein anderer Tierarzt, der die Euthanasie durchführen sollte. Ich kenne beide Veterinäre gut und sie sind beide wundervolle Tierärzte. Welch großes Glück, dass es ausgerechnet diese Tierärzte waren, die uns auf diesem schweren Weg begleiteten. Wir planten und diskutierten jedes Detail und ich denke, alles war so gut vorbereitet, wie es nur möglich war.


Wir führten den Ablauf genauso durch, wie wir es in der Woche zuvor geübt hatten. Wir gingen mit den Pferden spazieren, kamen zurück und Jarpi war glücklich und vollkommen vertrauensvoll mir gegenüber, während er seinen Eimer mit seinem Lieblingsfutter leer futterte. Noch während er damit beschäftigt war, bekam er die Beruhigungsspritze verabreicht. Ich glaube nicht, dass er den Einstich der Spritze besonders stark gespürt hat, vielleicht wie einen Insektenstich, er hat jedenfalls keine Reaktion darauf gezeigt. Als er schlief, wurden die anderen Pferde an einen Ort geführt, an dem sie nicht einsehen konnten, was vor sich ging. Als Jarpi bewusstlos „in meinen Armen schlief“, bat mich der Tierarzt, wie zuvor besprochen, zu gehen. Das ist notwendig, weil Pferde in der Endphase der tiefen Bewusstlosigkeit heftige automatisierte Bewegungen zeigen können. Ich sitze im Rollstuhl, kann also nicht schnell ausweichen, also bin ich gegangen.


Photo by Carley Quinn

Als alles vorbei war, haben wir die anderen Pferde dazu geholt. Sie beschnupperten ihren toten Freund, sie berührten ihn vorsichtig, beinahe zärtlich. Es war herzzerreißend, sie haben es sofort verstanden. Sie berührten beide zum Schluss auch vorsichtig seine Nüstern und irgendwie wussten sie dann, dass er für immer gegangen war. Ich glaube, sie untersuchten, ob er noch atmete. Ich bin sicher, dass sie auch trauerten, sie waren wochenlang zurückgezogen. Wie sehr Pferde unter einem solchen Verlust leiden, wer weiß das schon. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir das Richtige getan haben, ihnen ihren toten Freund zu zeigen und ihnen Gelegenheit zu geben, Abschied zu nehmen. Ich habe schon zu viele Pferde gesehen, die ihre Gefährten verloren haben und keine Chance hatten zu verstehen, dass sie nie wieder zurückkommen werden. Diese Pferde riefen und suchten lange Zeit nach ihrem Freund, vielleicht für immer? Wer weiß das schon. Unsere beiden verbliebenen Pferde haben sich verändert. Sie sind einander näher und es scheint, dass sie auch uns Menschen gegenüber ein viel stärkeres Bindungsverhalten an den Tag legen. Es gab keine Möglichkeit, sie vor dem Verlust ihres Freundes zu bewahren und wir Menschen werden niemals verstehen, was dies für sie bedeutet. Pferde sind Herdentiere und sie können starke Bindungen untereinander eingehen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es richtig war, sie in gewisser Weise an Jarpis Tod teilhaben zu lassen und ihnen die Chance zu geben, den Verlust auf ihre eigene Weise zu verstehen und zu verarbeiten. Ich würde es immer wieder so machen


Der Kummer und die Trauer vor Jarpis Tod und während der Vorbereitung seiner Einschläferung waren schon fast unerträglich, dennoch konnte ich mich in dieser Zeit auf all die praktischen Notwendigkeiten, die es zu organisieren galt, fokussieren. Nichts jedoch hat mich auf den Kummer, die Verzweiflung, und die Trauer vorbereitet, die mich danach überwältigt haben. Ich hatte das furchtbare Gefühl, ihn verraten, ihn im Stich gelassen und mein Versprechen, ihn zu beschützen, gebrochen zu haben. Er hat mir vertraut, ich führte ihn in den Tod.


Dennoch, in diesen letzten Minuten habe ich etwas gesehen, das bestätigt hat, was alle, vor allem die Tierärztin, vorher bereits gesagt hatten: Es war die richtige Entscheidung. Es ist keine schöne Erinnerung, aber ich bin dankbar dafür, dass sie da ist. Ich sah einen Tumor von der Größe einer Brombeere, der bereits in den wenigen Tagen von der Diagnose und dem Tag, an dem er uns verließ, aus dem größten Plaque herausgewachsen war. Es gab vielleicht 20 oder mehr Plaques, so dass man sich leicht vorstellen kann, was in den kommenden Wochen geschehen wäre.


Mein Verstand sagt mir, dass es das Richtige und das Barmherzigste war, was ich für ihn tun konnte, dennoch, mein Herz sagt mir etwas anderes. Traurigkeit und Schuldgefühle überfallen mich immer noch und die inneren Debatten darüber, ob ich mehr hätte tun können, um sein Leben zu retten, wollen nicht enden. Und während ich diese Worte schreibe, fließen immer noch die Tränen, aber ich schreibe weiter. Es ist gut, meine Gedanken zu strukturieren und es wird mir in den kommenden Monaten und Jahren helfen, das Geschehene zu verarbeiten.


Dennoch, jenseits aller Trauer und allen Kummers bin ich zutiefst dankbar für all die Menschen um  mich herum, die mich auf diesem schweren Weg begleitet haben. Zuallererst meine Freundin Virve und ihre Familie, für die es niemals eine Frage war, uns wegzuschicken, wie es wahrscheinlich so viele  andere getan hätten, sondern die vom ersten schrecklichen Moment bis zum bitteren Ende an unserer Seite stand. Es ist ihr und ihrer Familie zu verdanken, dass Jarpi an einem sonnigen Tag mitten  unter seinen besten Freunden einschlafen durfte, umgeben von den Menschen, die ihn lieben. Die  Tierärztin, die die Diagnosen stellte und endlose Telefonate führte, alle möglichen Optionen prüfte  und nie müde wurde, meine Fragen zu beantworten. Und als wir zu der Einsicht gelangten, dass es keine Perspektive mehr gab und dass es das Beste sein würde, ihn gehen zu lassen, solange er noch  nicht leiden musste, machte sie mir sehr deutlich, dass sie dies für die richtige Entscheidung hielt.  Ihre Kompetenz und ihr Vertrauen in mich waren mir eine unschätzbare Hilfe! Ohne sie hätte ich  diese Entscheidung nicht treffen können. 

Es ist ein Segen, für den ich zutiefst dankbar bin, dass ich Freunde habe, die ich anrufen oder  anschreiben konnte, mit all meinen Fragen, wie ich es am besten machen sollte, für Jarpi, aber auch  für die anderen Pferde, an die ich mich auch nach seinem Tod mit all meinen Zweifeln und meinem  Kummer anlehnen konnte. Und jeder Einzelne von ihnen hatte etwas zu sagen, das meinen Schmerz  linderte. Ganz besonders hat mich eine Aussage berührt. Es war ein Gedanke, über den ich vorher  noch nicht nachgedacht hatte. Eine Freundin meinte, dass wir es als ein Privileg ansehen sollten, dass  wir Menschen diesen letzten Akt der Barmherzigkeit für die Tiere in unserer Obhut tun können und  dass sie sich wünschen würde, jemand könnte dasselbe für sie tun, wenn es so weit wäre. In dieser  Perspektive fand ich einen gewissen Trost, ja, es ist ein Privileg, und wir sollten dafür dankbar sein! 


Wie schon erwähnt, es war aus organisatorischen Gründen ein anderer Tierarzt, der Jarpi eingeschläfert hat, aber auch er ist einer unserer Tierärzte, die ich schon lange kenne und schätze. Die Art und Weise, wie er mich auf Jarpis Tod und den Weg dahin vorbereitete und mich während des gesamten Prozesses unterstützte, sein Einfühlungsvermögen, seine Freundlichkeit und menschliche Wärme waren beinahe unfassbar und machten das Unvermeidliche für mich erträglich. Er fand Worte des Trostes, die mich zutiefst berührten und die sogar mein verwundetes Herz erreichten. Er fand auch, wie ich finde, weise Worte, die für alle von uns hilfreich sein mögen, die selbst schon in dieser Situation waren oder eines Tages sein werden: "Vergiss nicht, dass das Ausmaß Deiner Trauer die Tiefe Deiner Liebe zu Jarpi widerspiegelt".


Ja, es ist so, wie Tania Kindersley schrieb: "Liebe ist Liebe". Ich habe dieses Pferd geliebt, und das tue ich immer noch. Er war Mitglied einer Familie, er hatte enge Freunde, egal ob sie vier oder zwei Beine hatten, und er wird schmerzlich vermisst.


Langsam, nachdem ich wochenlang fast an nichts anderes mehr denken konnte als an die letzten Tage und Minuten mit ihm, tauchen andere Gedanken auf und ich habe begonnen, mir alte Bilder von ihm anzusehen. Ich erlebe immer noch so viel Schmerz und Trauer über den Verlust, aber ich habe begonnen, mich an das kluge, lustige und verschmuste kleine Pferd zu erinnern, das er war. Als er in mein Leben trat, hatte ich bereits ein Pferd, an dem ich sehr hing und machte mir Sorgen, ob ich es schaffen würde, mich um beide in gleicher Weise zu kümmern. Damals hatte ich eine liebe Kollegin samischer Abstammung (Sami: Die Ureinwohner Fennoskandinaviens) und sie sagte etwas Weises, das sich als sehr wahr herausstellen sollte: "Du wirst sehen, sie werden beide ihren Platz in deinem Herzen finden. Es wird jeweils ein anderer sein, aber er ist tief in deinem Herzen".


Photo by Carley Quinn


Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Schlimmste hinter mir habe, aber ich habe angefangen, an all die guten Zeiten zu denken, die wir hatten. Das Beben der Erde, wenn beide plötzlich in wildes Spiel im Paddock oder auf dem Reitplatz ausbrachen. Der Tag, an dem sie meine Mütze "klauten", um damit zu spielen, weil die Bahn zu eisig zum Rennen war, sie aber etwas zum Spielen brauchten. Es war minus 10 Grad Celsius und ich hatte ganz schön kalte Ohren. Der Moment, wenn sie beide in meiner Gegenwart schliefen, weil sie sich sicher waren, ich passe auf. Immer dann wenn Jarpi, zu mir kam und mich mit seinen Nüstern in meinem Gesicht "küsste" und anpustete, und sich an mich schmiegte, wenn er gekrault oder gebürstet wurde. Der Tag auf der Sommerweide, als er gemütlich da lag und ich ihn mit meinem Geländerollstuhl besuchte. Er wollte nicht aufstehen, stattdessen versuchte er, mich herunterzuziehen und als ich mich zu ihm setzte, schmiegte er seinen Kopf an meine Brust und „ließ mich nicht mehr los“. Ich bin zutiefst dankbar dafür, ihn in meinem Leben gehabt zu haben, für die Dinge, die ich von ihm lernen durfte und für diese kostbaren Momente des Friedens und der tiefen Verbundenheit zu einer anderen, nicht-menschlichen Seele.


Er, der Tierarzt, der uns auf diesem letzten, traurigen und verzweifelten Weg zur Seite stand, sagte noch etwas zu mir, was mich zutiefst berührt hat, und das vielleicht doch eines Tages wahr werden kann: "...Ich wünsche Dir, dass Dir die schönen Erinnerungen mit der Zeit Trost spenden werden und dass der Schmerz über seine Abwesenheit der Freude weichen wird, ein Teil seines Lebens gewesen zu sein." Vielleicht hat er Recht