Liebe Leserin, lieber Leser, willkommen zu Teil 2 der Serie über „Wahlmöglichkeiten“ für unsere vierbeinigen Gefährten. Nachdem Sie Teil 1 gelesen haben, in dem es um die Umsetzung von Wahlmöglichkeiten in der Pferdehaltung ging, fragen Sie sich vielleicht: „Was ist denn nun eigentlich mit Pferdetraining? Ist das nicht heutzutage das heiße Thema?“
In den letzten Jahren hat sich das „Gewähren von Wahlmöglichkeiten“ (giving choices) zu einem relevanten Trend in der Pferdeausbildung entwickelt. Um es gleich vorwegzusagen: Ich unterstütze diesen Ansatz voll und ganz - vorausgesetzt, er wird richtig umgesetzt. Das Konzept, Pferden in ihrer Ausbildung und ganz generell im Training Wahlmöglichkeiten zu bieten, ist eine neue Welt im Gegensatz zu den aggressiven und oft gewalttätigen Methoden, die mir vor über 40 Jahren im Umgang mit Pferden beigebracht wurden. Ich begrüße diesen dringend benötigten Paradigmenwechsel von ganzem Herzen! Da auch die Forschung zunehmend die schädlichen Auswirkungen aggressiver und gewalttätiger Trainingsmethoden aufzeigt, hat die Nachfrage nach alternativen Trainingsansätzen deutlich zugenommen. Darüber hinaus hat sich auch generell die Haltung gegenüber Tieren und damit auch Pferden gegenüber geändert, sie werden heutzutage als fühlende Wesen, mit denen wir dieselben Grundemotionen teilen, betrachtet. Keine Entwicklung im Umgang mit unseren Mitgeschöpfen begrüße ich mehr als diese und es ist gut zu sehen, dass sich diese Erkenntnis auch zunehmend im Umgang mit unseren vierbeinigen Gefährten, den Pferden widerspiegelt.
Es hat allerdings dennoch einige Zeit gedauert, bis diese Entwicklung auch in der Pferdeausbildung Einzug gehalten hat. Leider zeigen die Skandale der letzten Jahre im Pferdprofisport, dass auch gegen besseres Wissen gewalttätiges Training immer noch an der Tagesordnung ist. Hier muss sich leider noch einiges ändern. Und seien wir ehrlich: Obwohl viele von uns Pferdefreunden intuitiv begreifen, wie wichtig es ist, Haltungsbedingungen zu schaffen, die den Bedürfnissen unserer vierbeinigen Freunde gerecht werden und ihre natürliche Umgebung so gut wie möglich nachahmen, beruhen viele Trainingskonzepte immer noch weitgehend auf dem Konzept von Dominanzhierarchien und damit „Gehorsam“ und „Unterwerfung“. Wenn die Grundsätze des Lernens beachtet werden und das Trainingsumfeld für das Pferd vorhersehbar und überschaubar ist, dann mögen Pferde damit zurechtzukommen, dennoch ist dieser Ansatz grundsätzlich falsch, denn Dominanzhierarchien liegen eher in der Natur der Menschen, nicht der Pferde (das diskutiere ich auch in meinem Blog „Wann ist Pferdetraining „gutes“ Pferdetraining?» https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/wann-ist-pferdetraining-gutes-pferdetraining ).
Warum aber sind manche von uns Pferdefreunden so fasziniert von dem Konzept, Wahlmöglichkeiten ins Pferdetraining zu integrieren? Die Antwort liegt in der bemerkenswerten Effektivität dieses Vorgehens, insbesondere bei Pferden, die Druck im Training nicht gut tolerieren.
Und dennoch ist die Einführung von Wahlmöglichkeiten in das Training - sei es vom Boden aus oder unter dem Sattel - keine triviale Aufgabe. Wie soll man eigentlich Wahlmöglichkeiten anbieten und gleichzeitig ein bestimmtes Trainingsziel verfolgen? Genau diese Konzentration auf das Erreichen eines „Ziels“ im Training, erschwert natürlich die Integration von Wahlmöglichkeiten in das Pferdetraining. Schon allein die Vorgabe eines bestimmten Trainingsziels kann das „Wählen“ von Alternativen im Training komplizieren. Um diese Diskussion praktischer und etwas weniger theoretisch zu gestalten, lassen Sie uns ein häufiges Szenario betrachten, dem wahrscheinlich die meisten schon begegnet sind: die Begegnung mit der „Ecke des Grauens“ 😉
Eine Möglichkeit, mit der unheimlichen Ecke in der Reithalle / dem Reitplatz umzugehen, besteht darin, das Pferd mit Gewalt dorthin zu zwingen. Wenn alles gut geht, lernt das Pferd vielleicht, dass die Ecke nicht gefährlich ist, und gewöhnt sich schließlich daran. Im schlimmsten Fall, wenn übermäßige Gewalt (z. B. Schläge oder Schmerzen) angewandt wird, gelingt es vielleicht immer noch, das Pferd in die Ecke zu drängen, aber der Preis dafür ist hoch. Mit Gewalt kann zwar Gehorsam erreicht werden, aber welche Auswirkungen hat dies auf die Psyche des Pferdes? Die Angst und der Schmerz, die damit verbunden sind, können die Angst des Pferdes vor dieser Ecke verstärken. Und auch wenn das Pferd sich ergibt und gehorsam ist, weil seine Angst vor dem Reiter die Furcht vor der Ecke überwiegt, ein solchermaßen trainiertes Pferd wird niemals ein Pferd sein, dass unter dem Sattel sicher ist. Dieses Pferd wird ein hohes Grundspannungs- und Angstniveau aufweisen, was zu unkontrollierbaren Reaktionen führen kann, wenn es mit einer Situation konfrontiert wird, die es mehr fürchtet als den Reiter. Darüber hinaus kann ein so ausgebildetes Pferd im schlimmsten Fall im Zustand erlernter Hilflosigkeit mit all seinen furchtbaren Folgen für das mentale und körperliche Wohlbefinden enden.
Betrachten wir einmal ein alternatives Szenario, um sich mit dem Problem der Ecke des Grauens auseinanderzusetzen. Dieser Ansatz kann sowohl vom Boden als auch vom Sattel aus verfolgt werden (obwohl ich immer empfehlen würde, Herausforderungen zunächst vom Boden aus anzugehen). In dem Moment, in dem das Pferd eine Angstreaktion auf die schrecklich unheimliche Ecke zeigt, wird dem Pferd erlaubt, die Ecke zu meiden. Allerdings muss das Pferd überall sonst „arbeiten“, z. B. im Kreis traben oder ein höheres Tempo einhalten etc…. Der einzige Ort, an dem der „nervige“ Trainer das Pferd in Frieden lässt, ist in oder mindestens in der Nähe der Ecke des Grauens. Und tatsächlich, in der Regel dauert es nicht lange, bis die unheimliche Ecke ihren Schrecken verliert und zu einem attraktiven Aufenthaltsort für das Pferd wird 😉.
Was hier passiert ist, ist ein Beispiel für negative (oder Subtraktions-) Verstärkung; ein unangenehmer oder nerviger Reiz wird durch Verhalten beendet. Der nervige Trainer lässt das Pferd in Frieden, sobald es die Ecke des Grauens aufsucht (mehr über die Prinzipien des assoziativen Lernens finden Sie in meinem Blog - Lernen durch Erfolg: Von Thorndike's Puzzle Box zu Houdini Horses - Ein kurzer Galopp durch die Lerntheorie (https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/lernen-am-erfolg-von-thorndikes-problemkaefigen-zu-houdini-pferden-ein-kurzer-galopp-durch-die-lerntheorie ). In diesem Szenario stellt die „Arbeit“ einen unangenehmeren Zustand als ruhig in der unheimlichen Ecke stehen dar, die Ecke des Grauen verliert ihren Schrecken. Das Pferd hat also die Möglichkeit, die beängstigende Ecke zu meiden, ist aber überall sonst einem leicht negativen oder nervigen Reiz - nämlich der „Arbeit“ - ausgesetzt. Diese „Arbeit“ hört erst in der Nähe oder innerhalb der schrecklich unheimlichen Ecke auf. Auf diese Weise wird das Pferd negativ verstärkt (ein unangenehmer Reiz wird entfernt), die unheimliche Ecke aufzusuchen. Dabei wird das Pferd nicht nur dafür belohnt, dass es sich in der Ecke aufhält, sondern es hat auch die Möglichkeit zu erfahren, dass es dort nichts zu befürchten hat. Es gewöhnt sich (habituiert) an die Ecke.
Wir hätten das Pferd auch mit Gewalt in die Ecke zwingen können und es dort stehen lassen können, bis es merkt, dass es dort nichts zu befürchten hat (Habituation / Gewöhnung). Ein solches Vorgehen würde aber zunächst das Angst und Stressniveau des Pferdes gewaltig erhöhen und entspricht in den Grundzügen der Phobie Therapie „Flooding“, in der der Klient dem phobischen Stimulus, z.B. Spinnen so lange ausgesetzt wird, bis die Angst „aufhört“. Diese Therapie ist mittlerweile verboten, weil sie eher dazu führt, dass man sich passiv in sein Schicksal ergibt und in einem Zustand der Hilflosigkeit mit allen seinen schädlichen Folgen für die mentale Gesundheit endet. Also genau die Art Zustand, die wir beim Pferdtraining unbedingt vermeiden wollen.
Angst, Furcht und Stress sind Emotionen/Zustände, die man beim Lernen/Training immer vermeiden sollte, egal um welche Spezies sich handelt. Training, welches diese Emotionen in Kauf nimmt oder sogar auf ihnen aufbaut, ist nicht nur unethisch, es führt auch selten zum Erfolg und kann extreme, sicherheitsrelevante Nebenwirkungen haben (ich kann an dieser Stelle nur noch einmal meinen Blog „Wann ist Pferdetraining „gutes“ Pferdetraining?» https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/wann-ist-pferdetraining-gutes-pferdetraining empfehlen).
Im Gegensatz zu dem Szenario, das Pferd in die gefürchtete Ecke zu zwingen, führt die oben beschriebene Trainingssituation das Element der Wahlmöglichkeit ein; das Pferd darf die Ecke vermeiden. Die Option aus einem Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten wählen zu können, erlaubt es dem Pferd, seine Ängste in seinem eigenen Tempo zu bewältigen. Außerdem haben Pferde als Fluchttiere von Natur aus Angst vor Begrenzungen, z. B. wenn sie gewaltsam in die Ecke gedrängt werden und dort bleiben müssen, bis sie sich an die angstlösende Ecke gewöhnt haben (mal ganz abgesehen von den schädlichen Folgen für die psychische Gesundheit unseres vierbeinigen Freundes, die dieses Scenario mit sich bringen kann). Indem man dem Pferd erlaubt zu wählen, sich entweder der beängstigenden Ecke zu nähern oder weiter weg von ihr zu „arbeiten“, erhält das Pferd die Kontrolle darüber, wie nahe es an die furchterregen Ecke herankommen möchte, also wieviel Angst, Furcht und Stress es in diesem Moment aushalten kann. Darüber hinaus ist diese Trainingssituation frei von Begrenzungen, das Pferd kann jederzeit ausweichen, wenn die Angst zu groß wird. Während “Aushalten” in der Ecke eine Situation des passiven Ausgeliefertseins darstellt, enthält das alternative Scenario der Wahlmöglichkeit die Option sich aktiv mit der Situation auseinanderzusetzen. Mit anderen Worten, Wahlmöglichkeiten beinhalten die Möglichkeit des aktiven Copings. Wie wir schon in Teil 1 gelernt haben, ist aktive Bewältigung (Coping) die beste Vorbeugung gegen gelernte Hilflosigkeit, weil es dem Pferd erlaubt Kontrolle über seine Umwelt auszuüben anstatt sich passiv ergeben zu müssen.
Ich bin zwar überzeugt davon, dass dieses Szenario weitaus besser ist als die Anwendung von Gewalt und Zwang, die das Pferd zur Passivität zwingt, aber es enthält zugegebenermaßen ein gewisses Element von „Zwang“; nennen wir es eine „erzwungene Wahl“. Indem alle anderen Bereiche außer der Ecke des Grauens irgendwie „unangenehm“ gemacht werden, wird das Pferd auch gezwungen, eine Entscheidung zu treffen: entweder weiterzuarbeiten oder die Arbeit einzustellen, indem es sich der beängstigenden Ecke nähert. Dennoch, dieser Ansatz kann sogar einen zusätzlichen erwünschten physiologischen Effekt haben. Indem die Arbeit in der Ecke unterbrochen wird, geht das Nervensystem des Pferdes von einem Zustand der Aktivierung in einen Zustand der Deaktivierung / Entspannung über, was ebenfalls intrinsisch belohnend ist.
Bis jetzt scheint der Ansatz der „erzwungenen Wahl“ eine wünschenswerte Alternative zur direkten Anwendung von Gewalt zu sein, in der das Pferd gezwungen wird, sich in die angstbesetzte Ecke zu begeben. Das Scenario der Wahlmöglichkeiten funktioniert jedoch nur, wenn Aggression und Gewalt vermieden werden, während das Pferd von der beängstigenden Ecke weg „gearbeitet“ wird. Wenn die „Arbeit“ mit Aggression, Angst oder Schmerz verbunden ist - wie z. B. das aggressive Jagen des Pferdes vom Boden aus oder die Anwendung von Gewalt aus dem Sattel heraus -, dann geht es bei diesem Ansatz nicht wirklich darum, eine Wahl anzubieten. Stattdessen spiegelt sie dasselbe brutale, auf Dominanz und Gewalt basierende Training wider, wie das Pferd direkt in die Ecke zu zwingen. In solchen Fällen flüchtet das Pferd lediglich aus einer extrem ängstlichen oder schmerzhaften Situation (die „Arbeit“) in eine etwas weniger angstauslösende Situation (die Ecke). Aus Sicht des Pferdes ist die gesamte Trainingserfahrung von Angst, Aggression, Schmerz, Stress und Gewalt geprägt. Dies ist das Gegenteil von gutem Pferdetraining, das in einer akzeptierenden, freundlichen und angst- und aggressionsfreien Atmosphäre stattfinden sollte. Im Idealfall sollte das Training sogar spielerisch sein und positive und negative Verstärkung zum richtigen Zeitpunkt einsetzen.
Bei der Anwendung des Paradigmas der „erzwungenen Wahl“ muss ein geschickter Ausbilder daher den Grad des Unbehagens, der mit der Alternative zu der furchteinflößenden Ecke des Grauens verbunden ist, sorgfältig steuern und vor allem sicherstellen, dass die Alternative zur Ecke niemals mit Aggression, Gewalt, Angst oder Schmerz verbunden ist. Andernfalls ist das Paradigma der „erzwungenen Wahl“ genauso unethisch wie dominanz- und aggressionsbasierte Ansätze mit all den schon zuvor besprochenen schädlichen Folgen für die mentale Gesundheit unsere vierbeinigen Freunde. Anstatt dass sich ein Pferd in der unheimlichen Ecke entspannen kann und mit einem positiven emotionalen Zustand belohnt wird, wird ein Pferd, das ängstlich in die Ecke flüchtet, weil alles andere noch schlimmer ist, extreme Angst und Panik erfahren. Ein solches Pferd wird das Gegenteil von „sicher“ sein und möglicherweise explosiv reagieren, wenn es mit etwas konfrontiert wird, das es mehr fürchtet als den Ausbilder oder Reiter.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein „forced choice“ - „erzwungene Wahl“ Paradigma eine elegante Möglichkeit sein kann, in einer Trainingssituation Wahlmöglichkeiten anzubieten. Die erfolgreiche Anwendung dieses Ansatzes erfordert jedoch Geschick, Erfahrung und ein feines Gespür für das richtige Maß.
Bei falscher Anwendung kann diese Trainingsmethode zu einer gewalttätigen und aggressiven Situation eskalieren, mit den entsprechenden nachteiligen Auswirkungen auf unsere vierbeinigen Freunde. Jeder, der sich für diese Art des Trainings entscheidet, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein.
Ist es möglich, Wahlmöglichkeiten anzubieten und dabei jede Art von unangenehmen Reizen zu vermeiden? Auf jeden Fall. Kommen wir noch einmal auf das Beispiel Ecke des Grauens zurück. Das Pferd kann belohnt (positiv verstärkt) werden, wenn es sich der Ecke nähert, indem z.B. ein Futtereimer dort aufgestellt wird. Die Überwindung der Angst, sich der Ecke zu nähern, wird mit Futter / Leckerlis belohnt. Wie lange dieses Vorgehen dauert, hängt von Faktoren wie dem Grad der Angst vor der Ecke, der Schmackhaftigkeit des Leckerbissens (z. B. Gras gegenüber Äpfeln) und dem Motivationszustand des Pferdes (ob es hungrig ist oder nicht) ab.
Das sog. Clickertraining ist die ultimative Erweiterung dieses Szenarios. Das Pferd lernt, dass ein bestimmtes Geräusch (in diesem Fall der Clicker, obwohl es auch ein beliebiges anderes Geräusch oder Wort sein kann) eine Belohnung (Leckerli) vorhersagt. Clickertraining hat den Vorteil, dass das gewünschte Verhalten auch über größere Distanzen belohnt werden kann. Damit kann das Pferd zunächst dafür belohnt werden, wenn es sich in Richtung der bösen Ecke bewegt. Wenn dies sicher gelingt, kann man beginnen, das Pferd dafür zu belohnen, wenn es sich direkt in der Ecke des Grauens aufhält. Auf diese Weise wird die Ecke schnell zu einem angenehmen Ort, in dem man sich ein Leckerchen abholen kann 😉. Ob man Clickertraining und damit Leckerlis einsetzten möchte oder nicht, ist mehr eine Frage der persönlichen Vorliebe und Herangehensweise, daher werde ich in diesem Blog nicht weiter darauf eingehen. Es kann jedoch ein nützliches Werkzeug sein, um gewünschtes Verhalten zu formen und es kann speziell hilfreich bei der Therapie von Ängsten sein, weil Futter doch einen sehr starken Motivator darstellt. Dennoch hat es auch seine Nachteile und in vielen Fällen kann es auch sehr effektiv sein, einfach mit positiver Verstärkung zu arbeiten - sei es durch Leckerlis oder Stimuli, die auf das natürliche Bindungsverhalten der Pferde aufbauen, wie etwa Kraulen/Streicheln.
Darüber hinaus gibt es mehrere klassische Pferdetrainingsszenarien, die eine unbedingte Wahlmöglichkeit ohne Anwendung von Druck bieten. Der Definition halber nennen wir dies „freie Wahl“, ohne damit ein Urteil zu implizieren. Ein klassisches Beispiel im Pferdetraining ist das sog. „Hooking on“, bei dem das Pferd aus freiem Willen entscheidet, ob es dem Trainer folgt bzw. bei ihm bleibt. Bei diesem Paradigma nähert sich der Trainer dem Pferd, zieht sich jedoch bei dem leichtesten Anzeichen einer Anspannungserhöhung auf Seiten des Pferdes wieder zurück. Das kann eine ganze Weile hin- und her gehen, bis das Pferd die Angst verliert und sich dem Trainer anschließt. Bei Pferden, die noch wenig Erfahrung mit Menschen haben oder die unangenehme Erfahrungen mit Menschen gemacht haben oder bei Pferden, die ganz einfach ein wenig skeptisch sind, kann diese Methode ein probates Mittel zum Vertrauensaufbau sein. Diese bekannte Übung, bei der sich das Pferd, wenn auch in einem Paddock oder eine Arena frei bewegen kann, lässt sich sehr gut anhand der Lerngesetze erklären. Dabei kommt sowohl positive (Hinzufügen eines angenehmen Reizes) als auch negative Verstärkung (entfernen eines unangenehmen Reizes) zum Einsatz. Wenn Sie mehr über dieses Paradigma und seine Beziehung zur Lerntheorie erfahren möchten, empfehle ich meinen Blog: Ljufùr und das vierrädrige Monster - Vertrauensaufbau beim freiheitlichen Training durch “Hooking on” ( https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/ljufur-und-das-vierraedrige-monster-vertrauensaufbau-beim-freiheitlichen-training-durch-hooking-on )
Für kurze Zeit hatte ich das Vergnügen, mich um ein sehr nettes Islandpferd kümmern zu dürfen, das zwar sehr gehorsam, aber ganz offensichtlich immer ein wenig skeptisch war und sich in meiner Gegenwart zunächst nicht zu 100% wohl fühlte. Ich konnte ihn von der Koppel überall hinführen, aber wenn man ihm eine Wahl gab - d. h. sobald ich das Halfter abnahm - ging er von mir weg und zog es vor, mit anderen Pferden zusammen zu sein. Da ich gerne freiheitlich mit meinen Pferden arbeite, weil es vom Rollstuhl aus viel einfacher ist, beschloss ich, das Hooking on mit ihm auszuprobieren.
In Video 1 sehen Sie seine typische erste Reaktion: Sobald ich ihm „unangenehm“ nahe komme, geht er zu meinem Pferd Frar auf die andere Seite des Platzes. Und das darf er natürlich auch, denn das Hooking on funktioniert nur, wenn das Pferd absolut frei ist, dahin zu gehen, wo es möchte. Es ist Aufgabe des Trainers, das Pferd davon zu überzeugen, dass es echte Vorteile hat, sich in der Nähe des Menschen aufzuhalten. Somit ist das Paradigma des Hooking on ein klassisches Beispiel für „Pure Liberty“ im Sinne von Andrea Wady; das Pferd hat wirklich die absolut freie Wahl.
Video 1: Lufur traut mir nicht, und wenn ich ihm zu nahe komme, geht er weg und hält sich lieber in der Nähe meines Pferdes Frar am anderen Ende des Reitplatzes auf https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/ljufur-und-das-vierraedrige-monster-vertrauensaufbau-beim-freiheitlichen-training-durch-hooking-on )
Video 2: Nach einigen Versuchen folgt mir Lufur jetzt überall hin, und ich kann ihn bürsten oder seine Hufe auskratzen, ohne dass ich ihn irgendwie einschränken muss. (https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/ljufur-und-das-vierraedrige-monster-vertrauensaufbau-beim-freiheitlichen-training-durch-hooking-on )
Schließlich entschied sich Ljufur, bei mir zu bleiben und es schien so, als würde er meine Gesellschaft genießen. Wahrscheinlich hat es geholfen, dass er ein sehr verschmustes Pferd ist, das schnell herausfand, dass ich alle guten Stellen zum Kraulen und Kratzen kenne (Kraulen an den richtigen Stellen sind eine extrem starke Belohnung, manchmal sogar noch besser als Leckerlis 😉). Obwohl es ihm also frei stand, weg zu gehen, zog er es am Ende vor, in meiner Nähe zu bleiben. Die Tatsache, dass ein Pferd sich freiwillig entscheidet bei uns zu bleiben, ist unbezahlbar; zeugt diese Tatsache doch von großem Vertrauen und einer starken Bindung zwischen Trainer und Pferd. Wenn wir zu derjenigen Person werden, zu der unsere vierbeinigen Gefährten diese enge Bindung aufbauen, haben wir das Potenzial zu dem Mitglied der Herde zu werden, das in der Lage ist, sie zu beschützen (Protector Leadership, Lynn Acton) und auf sie aufzupassen (Taking the Guard, Cathrine Fodstad - Ride like a Viking). Erst dann vertrauen uns Pferde auf die gleiche Weise, wie sie ihren Artgenossen vertrauen würden.
Es gibt viele weitere Möglichkeiten, Wahlmöglichkeiten in das Pferdetraining einzubeziehen. Je mehr wir den „freien Willen“ und Wahlmöglichkeiten zulassen, desto stärker und stabiler wird die Verbindung und das Vertrauen zwischen Pferd und Trainer sein - vorausgesetzt wir verraten unsere Gefährten nicht und erweisen uns stets als vertrauenswürdig. Wann immer möglich, baue ich Wahlmöglichkeiten in das Training ein. Wenn ich zum Beispiel ein neues Pferd reite, verbringe ich die ersten paar Minuten (und auch in den Pausen zwischen den Übungen) damit, dem Pferd die Wahl zu lassen, was wir tun und wohin wir gehen (innerhalb der Grenzen eines Reitplatzes 😉), und greife nur ein, wenn es unbedingt notwendig ist. Eine der traurigsten Erfahrungen, die ich gemacht habe, ist es, ein Pferd in Verwirrung und Hilflosigkeit zu erleben, nur weil es nicht versteht, was von ihm erwartet wird, nämlich eigentlich nichts. Umgekehrt ist es eine der schönsten Erfahrungen, zu erleben, wie ein solches Pferd zum Leben erwacht, sich für diese „Übung“ begeistert und anfängt, kreativ zu werden.
Meiner Meinung nach sind Wahlmöglichkeiten eines der wertvollsten Instrumente, die ein guter Pferdetrainer in seinem Werkzeugkasten haben sollte. Nur die Möglichkeit zu wählen und selbst zu entscheiden, erlaubt „Freiwilligkeit“ und damit Vertrauen. Es gibt nichts Wertvolleres als eine echte, auf Vertrauen beruhende Verbindung zwischen uns und unseren vierbeinigen Gefährten. Die Tiefe und Verlässlichkeit einer solchen Beziehung kann erstaunlich sein, und - wenn wir Glück haben – uns vielleicht sogar bis ans Ende dieser Welt tragen! ❤️

