Liebe Pferdefreunde, nachdem wir im letzten Blog den Mythos widerlegt haben, dass Pferde weniger Schmerz empfinden als Menschen
(https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/mythos-oder-wahrheit-empfinden-pferde-weniger-schmerz-als-menschen ), ist es an der Zeit, sich mit einem nicht weniger unwissenschaftlichen Schmerzmythos auseinanderzusetzen, nämlich der Vorstellung, dass das sog „Schmerzgedächtnis“ ein abgeschlossenes Phänomen aus der Vergangenheit ist – das ist mitnichten so. Ein Schmerzgedächtnis ist kein Phänomen der Erinnerung, es ist ein höchst unangenehmes Erlebnis der „Jetztzeit“.
Diese Annahme, dass das Schmerzgedächtnis in der biografischen Vergangenheit liegt
und ein Phänomen ist, an dass man sich vielleicht mit einem unangenehmen Gefühl erinnert, ist mindestens ebenso falsch wie die Behauptung, Pferde empfänden weniger Schmerz als Menschen. Allerdings ist das „Schmerzgedächtnis“ ein physiologischer Prozess, der komplex und sehr vielschwieriger zu erklären ist. Um zu verstehen, was bei der Ausbildung eines „Schmerzgedächtnisses“ passiert, müssen wir tiefer in die Physiologie des Schmerzes eintauchen. Wer sich ganz generell für Schmerzen und insbesondere Schmerzen bei unseren vierbeinigen Freunden interessiert, dem
empfehle ich als Einführung meinen Blog: „Wir müssen reden – über Schmerzen“ (https://www.scienceforhorselovers.com/de/blog-de-item/wir-muessen-reden-uberschmerze).
Es ist immer sinnvoll, mit einer klaren Definition zu beginnen: Der
Begriff „Schmerzgedächtnis“ beschreibt einen Mechanismus der
Schmerzchronifizierung und bezieht sich auf Situationen, in denen das Gehirn und ganz generell das Nervensystem aufgrund anhaltender Schmerzen in einen
Überaktivitätszustand geraten und überempfindlich werden können – sowohl gegenüber Reizen, die auch normalerweise Schmerzen verursachen würden, als auch gegenüber eigentlich nicht schmerzhaften Reizen.
Diese neuroplastische Reaktion (neuroplastisch = Anpassungsfähigkeit des
Nervensystems) wird oft auch „zentrale Sensitivierung“ oder „Wind-up“ bezeichent – und sie macht Schmerzen SCHLIMMER!!! (Eine gute Erklärung des Wind-upPhänomens findet sich: https://de.wikipedia.org/wiki/Wind-up-Ph%C3%A4nomen ). Um zu verstehen, was das Wind-up-Phänomen in der Praxis für ein Individuum bedeutet, müssen wir zunächst zwei „technische“ Begriffe aus der Schmerzphysiologie definieren: Hyperalgesie und Allodynie. Sie sind nicht so kompliziert, wie es sich zunächst anhört. Hyperalgesie bedeutet, dass etwas, das normalerweise nur ein wenig schmerzen würde, plötzlich sehr schmerzhaft ist. In diesem Zustand können mäßig schmerzhafte Reize unerträglich werden.
Allodynie beschreibt einen Zustand, in dem Reize, die normalerweise überhaupt nicht schmerzen sollten – etwa eine leichte Berührung –, plötzlich schmerzhaft werden. Beides sind Anzeichen dafür, dass das Problem nicht nur im peripheren Gewebe (Muskeln, Haut oder tieferen Hautschichten) liegt, sondern auch darin, wie das Nervensystem Signale und Reize aus diesem Gewebe verarbeitet. (Wikipedia bietet gute Erklärungen beider Phänomene: Hyperalgesie -
https://de.wikipedia.org/wiki/Schmerz%C3%BCberempfindlichkeit ; Allodynie -
https://de.wikipedia.org/wiki/Allodynie ).
Abbildung 1: Einige wichtige Definitionen.
Die ersten Forschenden, die diese Phänomene beschrieben, waren Raja, Campbell und Meyer (1984). Schauen wir uns ihr klassisches Experiment genauer an, in dem beim Menschen zum ersten Mal Hyperalgesie und Allodynie systematisch untersucht und beschrieben wurde. Das Experiment war tatsächlich recht einfach und unkompliziert, so einfach, dass es mir möglich war, eine heldenhafte Replikation am eigenen Leib (meiner Hand) durchzuführen, wenn auch nicht ganz freiwillig In ihrem Versuch fügten Raja, Campbell und Meyer (1984) gesunden Freiwilligen kleine, klar definierte Brandverletzungen auf dem Handrücken zu. Davor und danach wurde die Empfindlichkeit auf definierte Reize (z.B. Druck, Berührung etc.) getestet. Dabei wurden nicht nur die verletzten Hautareale selbst, sondern auch nahe gelegene Areale ohne sichtbare Verletzungszeichen – zum Beispiel Orte außerhalb der Hautrötung, die die experimentell verbrannte Haut umgab, getestet.
Abbildung 2: Meine ganz persönliche Replikationsstudie des klassischen
Experiments von Raja, Campbell und Meyer (1984). Die Hautrötung mit Brandblasen zeigt den Bereich auf meinem Handrücken an, auf den ich heißen Kaffee verschüttet habe, also eine deutliche Verbrennung. Punkt A befindet sich innerhalb der Rötung; Punkt B liegt außerhalb davon, wo die Haut unverletzt erscheint. An beiden Stellen – A und B – war ich deutlich schmerzempfindlicher für Schmerzreize (Hyperalgesie). Darüber hinaus waren plötzlich auch Reize, die mir normalerweise nichts ausmachten, wie z.B. kaltes Wasser schmerzhaft (Allodynie).
Raja, Campbell und Meyer (1984) untersuchten in ihrem ursprünglichen Experiment nach der experimentell induzierten Verbrennung bei ihren Versuchsteilnehmern zwei Bereiche: Stelle A innerhalb des verbrannten Areals (der Hautrötung) und Stelle B außerhalb der Verbrennung. Abbildung 2 zeigt meine Hand nach einer Verbrennung, die durch die „unsachgemäße Handhabung“ einer Tasse heißen Kaffees entstand . Auf dieser Abbildung sind auch Punkt A und B aus der ursprünglichen Studie eingezeichnet. Wie im Originalexperiment fühlte sich auch an „meinem“ Punkt A alles intensiver und ziemlich schmerzhaft an – selbst leichte Berührungen und kaltes Wasser. Noch
erstaunlicher für mich war – obwohl ich zumindest theoretisch sehr genau wusste, dass dies passieren würde –, dass sich diese Überempfindlichkeit gegenüber allen Reizen weit über die Rötung und den unmittelbar verbrannten Bereich hinaus erstreckte und auch die Stelle B umfasste, genau wie im Originalexperiment beschrieben. Und ganz generell würde ich behaupten, dass fast mein gesamter Handrücken für mehrere Tage schmerzhaft und beeinträchtigt war – weit über die beiden festgelegten Messpunkte A &
B hinaus!
Schmerzphysiologisch betrachtet zeigte meine Hand deutliche Symptome von
Hyperalgesie und Allodynie, und zwar nicht nur im Bereich der offensichtlichen
Verletzung, sondern auch in den scheinbar nicht betroffenen, „gesunden“ Teilen
meines Handrückens, in denen die Haut vollkommen unverletzt erschien. Mit anderen Worten: Ich erlebte zwei der wichtigsten Mechanismen, die an der Chronifizierung von Schmerzen beteiligt sind: Hyperalgesie und Allodynie (Abbildung 3).
Abbildung 3: Hyperalgesie und Allodynie als Reaktion auf Verletzungen – sowohl
innerhalb als auch außerhalb des geschädigten Gewebebereichs – gehören zu den wichtigsten Mechanismen der Schmerzchronifizierung.
Was können wir aus diesem Experiment lernen?
Am wichtigsten ist: Der Schmerz an Stelle B – und darüber hinaus – war real, obwohl an dieser Stelle keine sichtbare Verletzung vorhanden war. Auch das Gefühl, dass fast meine ganze Hand schmerzte, sogar bei Dingen, die normalerweise niemals wehtun würden, war real. Mit anderen Worten: Man muss keine Verletzung sehen können, um Schmerzen zu empfinden.
Was bedeutet das für die Einschätzung eines Schmerzgeschehens? Selbst bei deutlich schwerwiegenderen Zuständen als dieser minimalen „experimentellen“ Verbrennung sagen die sichtbaren Anzeichen einer Verletzung – ob an der Haut, im Muskel oder im Knochen, also auch an Stellen, wo wir die Verletzungen häufig ohnehin nicht wirklich sehen können – nicht zuverlässig voraus, wieviel Schmerz tatsächlich empfunden wird. Nun, meine Hand heilte nach einigen Tagen ab, und sowohl die Hyperalgesie als auch die Allodynie verschwanden. Aber stellen wir uns einmal vor, die Verletzung hätte fortbestanden – wie etwa bei Rückenschmerzen durch einen Bandscheibenvorfall, dann hätte sich das Schmerzgeschehen nicht erholen können; im Gegenteil, es ist zu erwarten, dass sich das schmerzverarbeitende System immer weiter sensitiviert hätte („wind-up“). Ein anderes Beispiel ist vielleicht ein Pferd, das über Jahre hinweg mit
einem schlecht passenden Sattel geritten wurde, oder vielleicht sogar noch schlimmer, an einem unbehandelten Kissing-Spines-Syndrom leidet. In allen diesen Fällen kommt es nicht zur Erholung der schmerzverabeitenden, neuronalen Netzwerke; im Gegenteil, das System wird immer sensitiver bis zum Schluss schon minimale Trigger ausreichen, eine Berührung, leichter Druck, um maximale Schmerzen auszulösen. Diese Erkenntnisse machen auch deutlich, warum es so wichtig ist, Schmerzprobleme frühzeitig anzugehen: Schmerzen angemessen zu behandeln, sobald sie auftreten, ist die beste Möglichkeit, Hyperalgesie und Allodynie – und damit das Risiko, dass Schmerzen eskalieren und chronisch verlaufen – zu verhindern oder wenigsten zu vermindern. Schmerzen gehören zu den fundamentalsten Einschränkungen der Lebensqualität nicht nur beim Menschen, sondern bei allen Lebewesen, die Schmerzen so empfinden wie wir. Das sind nach Ansicht der meisten Autoren mindestens alle Wirbeltiere. Unser Wissen und unser Verständnis über die Mechanismen der Schmerzchronifizierung – und, sogar noch wichtiger, darüber wie sie sich vermeiden lässt – haben in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen und das ist ein echter Segen. So wird beispielsweise bei chirurgischen Eingriffen, sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin, zusätzlich zu der Narkose, die uns bewusstlos macht, in der Regel eine Nervenblockade derjenigen Nerven durchgeführt, die Informationen von der
Operationsstelle an das Gehirn weiterleiten. Auf diese Weise wird auch der
schmerzbezogene Input zum Zentralnervensystem – in diesem Stadium
als Nozizeption bezeichnet – blockiert. Die Anwendung dieser Techniken hat die
Wahrscheinlichkeit und Intensität postoperativer Schmerzen deutlich reduziert und die Genesungszeiten erheblich verkürzt.
Nun, jetzt kann man sich fragen, gut das hört sich sicher alles interessant an, aber
welche Bedeutung hat dieses Wissen eigentlich für unser praktisches Leben als
Pferdefreunde und zumeist auch ReiterInnen? Ist das nicht alles vor allem von
akademischem Interesse und im täglichen Leben mit unseren vierbeinigen Gefährten irrelevant? Überhaupt nicht, im Gegenteil dieses Wissen ist hochrelevant für unseren täglichen Umgang mit unseren Pferden. Selbst bei mir – und ich hätte es aufgrund meines wissenschaftlichen Hintergrunds als Schmerzforscherin wirklich besser wissen müssen - hat es eine Weile gedauert, bis ich den Zusammenhang erkannt habe: Was wie unkontrollierbares Verhalten aussehen mag, das ein „gefährliches“ Pferd zeigt, könnte in Wirklichkeit die einzige „Sprache“ sein, über die unsere vierbeinigen Freunde uns mitteilen können, dass etwas nicht stimmt – dass sie Schmerzen haben… Pferde verfügen ja leider, leider nicht über einen Schmerzlaut mit dem sie uns verständlich machen könnten, wie schlecht es ihnen geht. Wären sie uns Menschen ähnlicher, könnten sie Jammern und klagen. Um wieviel besser würde es vielen von ihnen gehen!
Diese Unterscheidung zwischen Schmerzverhalten und generell unerwünschtem
Verhalten ist wichtig, weil sie die Perspektive verändert, weil sie verändert, wie wir das Verhalten unserer Pferde wahrnehmen und darauf reagieren: Was wie Widersetzlichkeit oder sogar gefährliches Verhalten aussieht, kann tatsächlich ein Ausdruck von Schmerzen und Leid sein.
Und selbst wenn ein Schmerzgeschehen behandelt (z.B. eine Verletzung) oder beseitigt wurde (z.B. ein drückender Sattel), Schmerz ist – sowohl bei Menschen als auch bei Pferden – nicht einfach eine „Erinnerung“, die sich beiseitelegen lässt, sobald das Problem scheinbar behoben ist. Wenn ein Pferd nach einem Heilungsprozess – oder sogar nach einer großen Investition in einen neuen Sattel – weiterhin auf Berührungen, auf das Satteln oder sogar auf alltägliche Routinen wie z.B. das Putzen aversiv reagiert, liegt die Versuchung natürlich nahe zu vermuten, unser vierbeiniger Freund „erinnere“ sich einfach an den Schmerz. Diese Interpretation ignoriert jedoch, was uns die moderne Schmerzforschung lehrt: Wiederholte oder länger andauernde schmerzhafte Reize und Erfahrungen können das Nervensystem umprogrammieren und überempfindlich machen. Dieses sensitivierte schmerzverarbeitende System kann dann echte Schmerzen erzeugen, selbst wenn das ursprüngliche Problem behoben wurde oder die Gewebeschädigung abgeheilt ist. Die „zentrale Sensitivierung“ oder auch „Wind-up“ – bei länger andauernden Schmerzgeschehen bedeutet, dass Rückenmark und Gehirn, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle nur zu gut wissen (falls Sie es bis hierher geschafft haben), überempfindlich werden, alle Reize verstärken und extrem intensiv wahrnehmen. Gewöhnliche, nicht schmerzhafte Empfindungen, die früher unbemerkt geblieben wären, können durch diesen Prozess zu belastenden Schmerzerfahrungen werden.
Abbildung 4: Das „Schmerzgedächtnis“ ist ein Prozess in Echtzeit, der Schmerzen verstärkt und chronifiziert.
Ein praktisches Beispiel: Der drückende Sattel
In der Welt „unserer“ Pferde, für die wir Verantwortung tragen, gibt es viele Situationen, die eine Sensitivierung des schmerzverarbeitenden Systems auslösen können: Anhaltende Gewebeschädigungen – etwa durch schlecht sitzendes Equipment –, wiederholte, geringgradige schmerzbezogene Reize durch monatelangen Druck, fortbestehende entzündliche Erkrankungen sowie Schädigungen peripherer Nerven können die schmerzverarbeitenden neuronalen Netze aktivieren und sensitivieren und damit eine lange Zeit über ursprüngliche Ursache der Schmerzentstehung hinaus fortwirken, selbst wenn diese beseitigt wurde. Darüber hinaus können auch psychische und haltungsbedingte Faktoren – Stress, Angst, Mangel an Sozialkontakten und möglicherweise sogar Hilflosigkeit verursacht durch Unvorhersagbarkeit und Unkontrollierbarkeit von Lebensumständen und Ereignissen (z.B. falsches unsachgemäßes Training) – das Nervensystem und damit auch schmerzverarbeitende neuronale Netzwerke zusätzlich überstimulieren. Wichtig ist zu verstehen, dass nichts davon bedeutet, dass der Schmerz eingebildet ist. Vielmehr wirken emotionale und physiologische neuronale Netzwerke zusammen und prägen das tatsächliche Schmerzerleben!
Ein praktisches Beispiel kann dies veranschaulichen: Man stelle sich ein Pferd vor, das viele Monate lang mit einem schlecht passenden Sattel geritten wurde. Der dauerhafte unphysiologische Druck auf Haut und Muskulatur sorgen für einen stetigen Strom schmerzhafter Reize. Mit der Zeit wird das schmerzverarbeitende System immer reaktiver, Hyperalgesie und Allodynien entstehen und schon leichte Berührungen oder putzen in der Sattellage führen zu Vermeidungsreaktionen.
Das möglicherweise verwirrende ist nun, dass selbst, nachdem der Besitzer den Sattel durch einen professionell angepassten ersetzt hat, das Pferd weiterhin Vermeidungsverhalten beim Aufsatteln und auch unter dem Sattel zeigen kann. Der Sattel passt nun perfekt, allerdings reagiert das Nervensystem und damit natürlich das betroffene Pferd immer noch überempfindlich, weil durch die lange Zeit der schmerzhaften Stimulation ein wind-up stattgefunden hat, und das Pferd in der Sattellage und auch in der Umgebung hypersensitiv geworden ist. In diesen Regionen des Pferdekörpers hat sich Hyperalgesie und Allodynie entwickelt, genau wie auf meiner
Hand nach der Verbrennung.
Mit anderen Worten, das Pferd ist in Bezug auf die Sattellage und die umliegenden Hautareale in einer ähnlichen Situation wie ich, nachdem ich mich verbrannt hatte: die ganze Hand tut weh, auch die Regionen, die eigentlich nicht weh tun sollten. Darüber hinaus ist jeder Reiz schmerzhaft, sogar eine leichte Berührung. Ich hatte im Vergleich zu dem Pferd in unserem Beispiel aber noch Glück: Während die einfache, leichte Verbrennung auf meiner Hand nach ein paar Tagen abgeheilt war, gibt es jedoch in der überstimulierten Sattellage unseres Pferdes keine Wunde, die mal eben so abheilen kann, sondern ein Hautgewebe und darunter liegende Strukturen, die möglicherweise
jahrelang schmerzhaftem Druck ausgesetzt waren. Als Konsequenz erlebt das
Nervensystem des Pferdes in unserem Beispiel auch bei der leichtesten Stimulation weiterhin Schmerz und bleibt in erhöhter Alarmbereitschaft – die Reaktion mag rätselhaft erscheinen, der Schmerz ist aber dennoch real. Wenn man diese Tatsache im Hinterkopf behält, so ist es vielleicht verständlich, dass der Gewöhnungsprozess an den tollen, teuren, aber dafür passenden Sattel trotzdem länger dauern kann.
Abbildung 5: Die möglichen langfristigen Folgen eines schlecht passenden,
schmerzenden Sattels.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Das Nervensystem ist in beide Richtungen
„plastisch“, d.h. lernfähig! Dieselben Eigenschaften, die zur Entwicklung einer
Sensitivierung geführt haben, können auch zur Genesung beitragen. Allerdings benötigt die Neukalibrierung der Schmerzverarbeitung Zeit und bedarf eines gezielten, sorgsam geplanten und strategischen Vorgehens. Der erste entscheidende Schritt besteht darin, schmerzhafte Reizkonstellationen (z.B. das Sattelproblem, aber auch z.B. ein nicht passendes Gebiss, ein Zahnproblem, etc. etc.) zu erkennen und zu beseitigen – in unserem Beispiel durch einen korrekt angepassten Sattel. Wenn der Körper weiterhin Reizen ausgesetzt ist, die auch normalerweise als schmerzhaft empfunden werden, also auch ohne bereits entstandene Hypersensitivität, hat das Nervensystem kaum eine Chance, sich um trainieren zu lassen und an die neue Situation anzupassen.
Über die Beseitigung der eigentlichen Ursache für das Schmerzgeschehen hinaus umfasst die Rehabilitation chronischer Schmerzen typischerweise die schrittweise Exposition des Pferdes zu vorhersehbaren und schmerzfreien Erfahrungen. Eine sorgfältig kontrollierte neue Gewöhnung an Putzen und Sattelzeug, auf den Zustand des Pferdes abgestimmte Bewegung sowie Maßnahmen, die Stress generell reduzieren (merke: Nicht jeder Stress ist schmerzbedingt, aber Schmerz löst immer eine Stressreaktion aus), all dies trägt dazu bei, dem wind-up entgegenzuwirken und das Nervensystem wieder herunterzuregulieren. Man kann sich das vielleicht so vorstellen, dass die Summe des Stresserlebens grundlegend für die erlebte Emotion ist. Alles, was
an Belastung und Stress schon durch die Trainingsumstände und Situation „eingespart“ werden kann, hilft dem Nervensystem sich zu desensibilisieren.
Kleine Erfolge sind wichtig: einige schmerzfreie Sattel-Einheiten ohne Reiten, vielleicht sogar erst einmal, ohne den Gurt anzuziehen, ein ruhiger Umgang und entspannte Atmosphäre, vielleicht sogar eine Futterbelohnung helfen dem Pferd dabei, neu zu lernen, dass die mit diesem neuen Sattel verbundenen Reize und Empfindungen keine Bedrohung darstellen. Es ist wichtig, eher schrittweise Veränderungen, als schnelle Erfolge zu erwarten. Je nachdem, wie lange die Sensitivierung bereits besteht, können Verbesserungen Wochen bis Monate dauern; in manchen Fällen ist eine vollständige Rückbildung der Schmerzreaktion sogar möglicherweise nicht erreichbar. Dennoch zeigen viele Pferde (genauso wie wir Menschen auch) eine deutliche Verbesserungen der Lebensqualität, wenn sie systematisch rehabilitiert, werden: Sie werden weniger reaktiv und sind generell mehr entspannt und gelassen. Als chronischer Schmerzpatient kann das Leben einigermaßen freudlos sein… vieles ändert sich, wenn Schmerzen gelindert werden können. Auf der Seite des Trainers / Therapeuten sind Geduld und Konsequenz die wichtigsten Verbündeten; ein Pferd, dass unter Schmerzen leidet, kann leicht überfordert werden, was schnell zu Angst und Stress führen kann.
Genau das kann aber den Genesungsprozess deutlich beeinträchtigen.
Aber es gibt auch wundervolle Beispiele für gelungene Problemlösungen: Eines davon, ist Lynn Actons erstaunlicher „Quick Fix“ eines Pferdes mit Sattelzwang, insbesondere mit einem Problem beim Gurten (Girthy Horses and Quick Fixes – Lynn Acton). Ein ganz zentraler Bestandteil von Lynn Actons Strategie bestand darin, die Sattelroutine zu verändern: Der Gurt wurde von der anderen Seite aus geschlossen! Dieses neue Element der Trainingssituation reduziert diejenigen Umweltsignale, die ankündigen, dass eine stressvolle und höchstwahrscheinlich schmerzhafte Situation unmittelbar bevorsteht. Dem Pferd zu erlauben, sich aus der Situation zu entfernen – und ihm damit eine Wahl zu geben –, ermöglicht es ihm, sein Stressniveau nach seinen eigenen Bedürfnissen zu regulieren. Zugleich wird dem Training ein Element von Vorhersehbarkeit und Kontrollierbarkeit hinzugefügt. Beides sind zentrale Elemente, um eine stress- und angstbeladene Situation deutlich zu entschärfen!
Einfache Lösungen sind in der Pferdewelt sehr, sehr selten, eigentlich kommen sie gar nicht vor. Dieses Beispiel zeigt jedoch eindrucksvoll, dass die Kombination aus Kreativität der Trainerin, einer ruhigen und entspannten Atmosphäre sowie eine Situation, die dem Pferd die Möglichkeit gibt, sich zu entscheiden, die Situation zu verlassen, also wählen zu können, einem Pferd helfen kann, ein Problem beim Satteln – und die daraus resultierende Stressreaktion – zu bewältigen. Zu verstehen, dass Schmerz auch ein Prozess ist, den das Nervensystem erlernt, verändert die Art und Weise, wie wir auf Pferde und ihr unerwünschtes aber möglicherweise schmerzassoziiertes Verhalten reagieren. Die gute Nachricht daran ist: Was gelernt werden kann, lässt sich zu einem großen Teil auch umtrainieren (nicht „verlernen“, aber das ist ein Thema für einen weiteren Blog über Lerntheorie ). Das Verständnis der Neurophysiologie chronischer Schmerzen lässt uns als Trainerinnen und Trainer nicht hilflos zurück – ganz im Gegenteil. Wissen lädt zu Neugier ein und ermöglicht es uns kreative Behandlungspläne zu entwickeln, die in vielen Fällen die erfolgreiche Rehabilitation von Schmerzsyndromen ermöglichen. Schmerz kann bei unseren vierbeinigen Freunden tiefe Spuren hinterlassen – genauso, wie bei uns Menschen. Dennoch, und diese Erkenntnis ist ebenso wichtig, Schmerz muss nicht unsere Zukunft bestimmen! Mit Wissen und Verständnis, Geduld und Freundlichkeit, sowie umsichtigem Management und Training können viele Pferde ein Schmerzgeschehen hinter sich lassen oder zumindest so gemanagt werden, dass sie an Lebensqualität gewinnen und zu guter Funktionsfähigkeit zurückfinden.
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